Das Sonnenmädchen

 

 

 

            Als er ihr Foto in der Zeitung gesehen hatte, war er aus allen Wolken gefallen. In der Rubrik « Vermischtes » stand die Suchanzeige : Maryse Duchemin, 25 Jahre alt, braunes Haar, 1,70 Meter, trägt Jeans, schwarzen Pullover, Anorak und Sportschuhe. Jede Person, die über Informationen verfüge, usw, usf...

 

            Er kannte weder ihren Namen, noch ihren Vornamen, er hatte nicht einmal mit ihr gesprochen, und auch wenn er sie angestarrt hatte (er hatte nicht umhin gekonnt, seinen Blick von ihr zu wenden !), hatte er sie nur einen Abend gesehen, nicht mehr als einen Abend, ein einziges Mal, zehn Minuten. Aber diese zehn Minuten hatten genügt...

 

            Er legte die Zeitung nieder, zündete sich eine Zigarette an. Er war noch zu Hause und konnte noch rauchen. Oder genauer : er konnte nun wieder rauchen, seitdem Laurence ihn verlassen hatte : Unvereinbarkeit der Charaktere, wie man sagt. Und eben nach dieser Trennung, nach fünf Jahren gemeinsamen Lebens (passte wirklich das Wort « gemeinsam » ?) pflegte er wieder auszugehen. Eines Abends also, vor vierzehn Tagen genau, hatte er diese Bar betreten.

 

            Er war durch die Stadt umhergeirrt, allein, hatte Pausen gemacht, wie ein Marathonläufer bei der Versorgung, und hatte sich durstig und hemmungslos seinem vergeblichen Lauf wieder hingegeben. « Sports Bar », « Bierkrug », « Marys Treff », « Zur Sonne » : so lauteten die Namen der Versorgungsplätze...

 

            « Zur Sonne » : ein Lokal, in dem reichlich gewettet wurde, dem Bahnhof gegenüber. Da hatte er sich besonders wohl gefühlt, ohne zu wissen, warum, und da hatte er Platz genommen, nicht mal an der Theke, sondern an einem Tisch ganz hinten im Saal.

 

            Im Laufe der Biergläser, an die zehn, hatte er eine Bilanz seines Lebens gezogen. Sie war eher katastrophal und kam ihm nicht aus dem Sinn : 35 Jahre alt, Langzeitarbeitsloser nach Personaleinsparung, Arbeitslosengeld (das er schon lange verschwendet hatte), und zum Schluss diese Trennung mit Laurence.

 

            Kein besonders schönes Leben...

 

            Er hatte sich im Saal umgesehen : nichts, als der übliche Pöbel, entspannt, und abseits von diesen Leuten saß er mit seinen Fuss- und Gemütsschmerzen....

 

            Da tauchte sie auf...

 

            Sie setzte sich neben ihn, bestellte ein Glas Weißwein, das sie auf einem Zug lehrte, dann ein zweites.

 

            Sie hatte auf ihn keinen einzigen Blick geworfen, als wäre er gar nicht da gewesen. Er war kein Anmacher, kein schwerfälliger Spanner, aber aus dieser Frau strahlte etwas Geheimnisvolles. Allerdings war Laurence trotz ihrer Abwesenheit in seinen Gedanken noch so anwesend, dass er keiner anderen Raum schaffen konnte.

 

            Und dennoch...

 

            Sie zog einen Notizblock, überlegte einen Augenblick und begann zu schreiben. Dann riss sie das Blatt vom Block ab, machte eine Kugel daraus und warf sie zu Boden. Sie machte einen zweiten Versuch, steckte den Notizblock in ihre Tasche zurück und ging aus.

 

            Das war alles...

 

            Sie war an diesem Samstag Abend in der Menge verschwunden, er hatte ihr durch das Fenster nachgeblickt, während sie zum Bahnsteig ging.

 

            Er hatte heimlich das Blatt aufgenommen.

 

            Nun liegt es zerknittert neben dem schwarzweißen Bild der Verschollenen vor seinen Augen. Darauf steht : « Charles, ich werde meine Rache haben, darauf kannst du Gift nehmen. Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde meine Rache haben... »

 

            Und es gab kein einziges Wort mehr.

 

            Es fiel ihm sofort ein, dass Laurence gerade diese Wörter  hätte schreiben können : man brauchte nur « Charles » durch « Paul » zu ersetzen...

 

            Und nun ?

 

            Was sollte er tun ?

 

            Die Polizei anrufen und ihr diese Geschichte des « Sonnenmädchens » erzählen ?

 

            Sich auf die Suche der Unbekannten machen ?

 

            Warum nicht ? Er strebte ja plötzlich danach, sein so fades Leben zu würzen...

 

            Dies war eine unverhoffte Gelegenheit...

 

            Die letzte vielleicht ?

  

 

L’adaptation a été réalisée par Didier Lefebvre

 

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